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Retrospektive
Andrzej Wajda Geschichte und Gewissen

Kaum ein anderer Regisseur hat das polnische Kino – und das europäische Nachkriegskino insgesamt – so nachhaltig geprägt wie Andrzej Wajda (1926–2016). Geboren in eine Generation, deren Biografien von Krieg, Besatzung und politischer Gewalt unwiderruflich gezeichnet wurden, macht er das Kino zu einem Ort der Auseinandersetzung mit Geschichte, Erinnerung und Verantwortung. Der Mord an seinem Vater im Kontext des Massakers von Katyn, bei dem 1940 Tausende polnische Kriegsgefangene vom sowjetischen Geheimdienst erschossen wurden – lange Zeit ein staatliches Tabu –, bildet den unsichtbaren Ausgangspunkt eines Werks, das immer wieder um Verrat, Schuld und die Zerbrechlichkeit moralischer Gewissheiten kreist.

Die Filme der sogenannten »Polnischen Schule« – Wajda selbst absolvierte 1953 die legendäre Filmhochschule in Łódź – machen ihn international bekannt. KANAŁ und POPIÓŁ I DIAMENT entwerfen eine Art kollektiver Erfahrungsgeschichte, verabschieden den Mythos des heroischen Widerstands und zeigen Krieg als existenzielle Sackgasse, in der Entscheidungen nicht erlösen, sondern belasten. Früh verbindet sich bei Wajda politisches Denken mit einer ausgeprägten Sensibilität für individuelle Schicksale – ein Spannungsverhältnis, das sein gesamtes Werk durchzieht. In den folgenden Jahrzehnten weitet sich sein Blick: Die Frage danach, wie Ideologien Menschen formen – und deformieren –, rückt zunehmend ins Zentrum.

Zugleich entstehen Filme von großer innerer Ruhe und Melancholie, die sich dem Privaten, dem Verpassten, dem Nachhall gelebter und ungelebter Leben zuwenden. Erinnerung wird hier nicht mehr vorrangig politisch verhandelt, sondern alsintime Bewegung erfahrbar gemacht. Die zehn Filme dieser Retrospektive zeichnen die Entwicklung eines Künstlers nach, der sein Ausdrucksspektrum stetig erweitert: vom existenziellen Kriegsdrama über selbstreflexive, konzentrierte Blicke auf das eigene Medium bis hin zu weit ausgreifenden Gesellschaftspanoramen. Tonlagen und Formen wechseln – das Kino wird zum Ort der Recherche, des Gedenkens, mitunter auch der bitteren Ironie. Nicht zufällig kreisen viele seiner Filme um Künstlerfiguren, Intellektuelle oder Außenseiter, deren Haltung zum Prüfstein größerer Zusammenhänge wird.

Dass Wajda selbst als Maler arbeitet, prägt dabei seinen Blick: Komposition, Rhythmus und Materialität der Bilder tragen stets eine eigene Bedeutungsebene. Die Hommage anlässlich seines 100. Geburtstags versteht sich als Einladung, in ihm nicht nur einen Chronisten polnischer Geschichte zu entdecken, sondern einen Regisseur, der Kino als moralischen Erfahrungsraum begreift: offen, widersprüchlich, unbequem – und dringlich wie eh und je.
(Florian Widegger)

In Kooperation mit dem Polnischen Institut Wien

»She was a feminist director and a neorealist director, the first in American cinema, twenty years ahead of her time.«
Thom Andersen

Mo, 16. März - Di, 7. April
Mo, 16.3., 19:00
Andrzej Wajda
Panny z Wilka THE MAIDS OF WILKO
Niedergeschlagen nach dem Tod seines Freundes kehrt der 40-jährige Gutsverwalter Wiktor an den Ort seiner Jugend zurück. Nebenan verbringen fünf Schwestern, die er von früher kennt, ihren Sommer. Die scheinbare Idylle ihrer Tage ist durchzogen von einer Traurigkeit, die Wiktors Rückkehr verstärkt: Einst hatte er eine der Schwestern geliebt, die inzwischen ebenfalls verstorben ist … THE MAIDS OF WILKO markiert eine bewusste Verschiebung in Wajdas Schaffen, der sich hier nach einer Reihe politisch
Di, 17.3., 19:00
Andrzej Wajda
Kanał DER KANAL
In den letzten Tagen des Warschauer Aufstands zieht sich eine versprengte Einheit des polnischen Widerstands vor den Deutschen in das unterirdische Kanalsystem der Stadt zurück. In völliger Dunkelheit, umgeben von Schmutz und Enge, beginnt im scheinbar ausweglosen Labyrinth ein verzweifelter Überlebenskampf … Wajdas zweiter Spielfilm bricht bewusst mit dem Mythos des heroischen Opfers und zeigt Krieg vor allem als zermürbend. Eindringliche Bilder und formale Präzision kennzeichnen diesen radikal
Mi, 18.3., 18:30
Andrzej Wajda
Wszystko na sprzedaż EVERYTHING FOR SALE
Im Jänner 1967 stirbt der Schauspieler Zbigniew Cybulski bei einem tragischen Unfall. Wajda reagiert auf den Tod seines Freundes mit EVERYTHING FOR SALE, seinem wohl persönlichsten Film. In einer selbstreflexiven Erzählung über Endlichkeit, Erinnerung und das Filmemachen selbst verwebt er Fiktion und Realität zu einem offenen Porträt des polnischen Kinos der 1960er-Jahre. Andrzej Łapicki fungiert als Wajdas Alter Ego, das mit seiner Crew vergeblich nach dem Hauptdarsteller sucht, der nie am Set
Do, 19.3., 19:00
Andrzej Wajda
Brzezina THE BIRCH WOOD
Die Natur als Spiegel seelischer Zustände, die langsam nach außen gekehrt werden: Zwei Brüder treffen nach langer Zeit wieder aufeinander. Gezeichnet von Krankheit und Verlusterfahrungen entfaltet sich ein leiser Dialog über Nähe und Verdrängung, Lebenslust und Resignation – unausweichlich ist nur das Ende. Wajdas zurückhaltendstes Werk, vielleicht auch sein emotional eindringlichstes. (Florian Widegger)
Fr, 20.3., 19:00
Andrzej Wajda
Ziemia obiecana THE PROMISED LAND
Im Łódź des späten 19. Jhd. verbünden sich drei junge Männer – ein Pole, ein Deutscher, ein Jude – um zusammen reich zu werden. Doch die Gemeinschaft kippt rasch in einen Wettlauf um Profit. Bei aller formalen Üppigkeit bleibt der Blick scharf, bitter ironisch und moralisch präzise – ein »dickensianisches« Sittengemälde des Kapitalismus, dessen politische Sprengkraft bis heute unvermindert anhält. (Florian Widegger)
Sa, 21.3., 19:30
Andrzej Wajda
Powidoki AFTERIMAGE
Der Aufstieg des Sozialistischen Realismus macht weder vor ästhetischen Dogmen noch vor persönlichen Existenzen halt. Die Geschichte des Malers Władysław Strzemiński, der sich am Ende seines Lebens zu Beginn der 1950er-Jahre der stalinistischen Doktrin verweigert, formt Wajda in seinem Abschiedswerk zur Hommage – und zum mahnenden persönlichen Bekenntnis zur Autonomie von Kunst und ihrer Fragilität unter politischem Druck. (Florian Widegger)
So, 22.3., 19:45
Andrzej Wajda
Panny z Wilka THE MAIDS OF WILKO
Niedergeschlagen nach dem Tod seines Freundes kehrt der 40-jährige Gutsverwalter Wiktor an den Ort seiner Jugend zurück. Nebenan verbringen fünf Schwestern, die er von früher kennt, ihren Sommer. Die scheinbare Idylle ihrer Tage ist durchzogen von einer Traurigkeit, die Wiktors Rückkehr verstärkt: Einst hatte er eine der Schwestern geliebt, die inzwischen ebenfalls verstorben ist … THE MAIDS OF WILKO markiert eine bewusste Verschiebung in Wajdas Schaffen, der sich hier nach einer Reihe politisch
Mo, 23.3., 19:00
Andrzej Wajda
Dyrygent THE CONDUCTOR
Was bleibt eigentlich, wenn der Applaus verhallt? Jahrzehnte hat der berühmte Dirigent John Lasocki in den USA (wo Wajda zum ersten Mal auch drehen kann) verbracht. Nach der Begegnung mit Marta, einer jungen Violinistin, kehrt er zurück in seine Heimat, wo er mit einem kleinen Orchester Beethovens 5. Sinfonie einstudieren soll – in Wahrheit aber einer verpassten Möglichkeit und einem nie gelebten Leben nachzuspüren will. Kunst als Projektionsfläche, Musik als Ort der Erinnerung, Prestige als Tru
Di, 24.3., 20:45
Andrzej Wajda
Popiół i diament ASHES AND DIAMONDS
Mai 1945: Deutschland hat kapituliert, doch in Polen gehen die Kriegshandlungen insofern weiter, als dass jene, die gegen die Nazis kämpften, nun die neuen Besatzer aus dem Osten ins Visier nehmen. Maciek und Andrzej, zwei junge Soldaten, haben den Auftrag, einen hochrangigen Kommunisten zu töten. Da beim ersten Versuch zwei Unschuldige ums Leben kommen, wollen sie es beim zweiten Mal besser machen und ihre Zielperson bei einem Fest in einem Hotel erwischen. Doch während sie auf ihre Chance wart
Do, 26.3., 17:30
Andrzej Wajda
Wszystko na sprzedaż EVERYTHING FOR SALE
Im Jänner 1967 stirbt der Schauspieler Zbigniew Cybulski bei einem tragischen Unfall. Wajda reagiert auf den Tod seines Freundes mit EVERYTHING FOR SALE, seinem wohl persönlichsten Film. In einer selbstreflexiven Erzählung über Endlichkeit, Erinnerung und das Filmemachen selbst verwebt er Fiktion und Realität zu einem offenen Porträt des polnischen Kinos der 1960er-Jahre. Andrzej Łapicki fungiert als Wajdas Alter Ego, das mit seiner Crew vergeblich nach dem Hauptdarsteller sucht, der nie am Set
So, 29.3., 17:00
Andrzej Wajda
Człowiek z marmuru MAN OF MARBLE
Filmstudentin Agnieszka recherchiert für ihre Abschlussarbeit das Schicksal des einst gefeierten »Helden der Arbeit« Mateusz Birkut, auf dessen ausrangierte Marmorstatue sie in einem Keller stößt. Ihre Spurensuche führt durch Archive und vor manch verschlossene Tür, legt aber Schicht für Schicht frei, wie Propaganda Menschen erschafft, benützt und wieder fallen lässt. MAN OF MARBLE verschränkt investigatives Kino mit einer Reflexion über Geschichtsschreibung. Aus der Rekonstruktion des Heldenmyt
Mo, 30.3., 18:30
Andrzej Wajda
Tatarak SWEET RUSH
Nur auf den ersten Blick scheint alles einfach: Marta, die Frau eines Provinzmediziners, verliebt sich in einen deutlich jüngeren Mann. Mit ihm erlebt sie eine Art Neuanfang – bis er auf tragische Weise ertrinkt und ihr fragiles Glück ein Ende findet. Es ist nicht der erste große Schicksalschlag in ihrem Leben … Wajda belässtes jedoch nicht bei der Fiktion – er bricht diese in die Realität auf: Krystyna Janda tritt aus ihrer Rolle heraus den Tod ihres Mannes, des Kameramanns Edward Kłosiński, de
Di, 31.3., 18:30
Andrzej Wajda
Dyrygent THE CONDUCTOR
Was bleibt eigentlich, wenn der Applaus verhallt? Jahrzehnte hat der berühmte Dirigent John Lasocki in den USA (wo Wajda zum ersten Mal auch drehen kann) verbracht. Nach der Begegnung mit Marta, einer jungen Violinistin, kehrt er zurück in seine Heimat, wo er mit einem kleinen Orchester Beethovens 5. Sinfonie einstudieren soll – in Wahrheit aber einer verpassten Möglichkeit und einem nie gelebten Leben nachzuspüren will. Kunst als Projektionsfläche, Musik als Ort der Erinnerung, Prestige als Tru
Mi, 1.4., 19:00
Andrzej Wajda
Brzezina THE BIRCH WOOD
Die Natur als Spiegel seelischer Zustände, die langsam nach außen gekehrt werden: Zwei Brüder treffen nach langer Zeit wieder aufeinander. Gezeichnet von Krankheit und Verlusterfahrungen entfaltet sich ein leiser Dialog über Nähe und Verdrängung, Lebenslust und Resignation – unausweichlich ist nur das Ende. Wajdas zurückhaltendstes Werk, vielleicht auch sein emotional eindringlichstes. (Florian Widegger)
Do, 2.4., 19:00
Andrzej Wajda
Powidoki AFTERIMAGE
Der Aufstieg des Sozialistischen Realismus macht weder vor ästhetischen Dogmen noch vor persönlichen Existenzen halt. Die Geschichte des Malers Władysław Strzemiński, der sich am Ende seines Lebens zu Beginn der 1950er-Jahre der stalinistischen Doktrin verweigert, formt Wajda in seinem Abschiedswerk zur Hommage – und zum mahnenden persönlichen Bekenntnis zur Autonomie von Kunst und ihrer Fragilität unter politischem Druck. (Florian Widegger)
Sa, 4.4., 19:00
Andrzej Wajda
Ziemia obiecana THE PROMISED LAND
Im Łódź des späten 19. Jhd. verbünden sich drei junge Männer – ein Pole, ein Deutscher, ein Jude – um zusammen reich zu werden. Doch die Gemeinschaft kippt rasch in einen Wettlauf um Profit. Bei aller formalen Üppigkeit bleibt der Blick scharf, bitter ironisch und moralisch präzise – ein »dickensianisches« Sittengemälde des Kapitalismus, dessen politische Sprengkraft bis heute unvermindert anhält. (Florian Widegger)
So, 5.4., 17:30
Andrzej Wajda
Tatarak SWEET RUSH
Nur auf den ersten Blick scheint alles einfach: Marta, die Frau eines Provinzmediziners, verliebt sich in einen deutlich jüngeren Mann. Mit ihm erlebt sie eine Art Neuanfang – bis er auf tragische Weise ertrinkt und ihr fragiles Glück ein Ende findet. Es ist nicht der erste große Schicksalschlag in ihrem Leben … Wajda belässtes jedoch nicht bei der Fiktion – er bricht diese in die Realität auf: Krystyna Janda tritt aus ihrer Rolle heraus den Tod ihres Mannes, des Kameramanns Edward Kłosiński, de
So, 5.4., 19:30
Andrzej Wajda
Popiół i diament ASHES AND DIAMONDS
Mai 1945: Deutschland hat kapituliert, doch in Polen gehen die Kriegshandlungen insofern weiter, als dass jene, die gegen die Nazis kämpften, nun die neuen Besatzer aus dem Osten ins Visier nehmen. Maciek und Andrzej, zwei junge Soldaten, haben den Auftrag, einen hochrangigen Kommunisten zu töten. Da beim ersten Versuch zwei Unschuldige ums Leben kommen, wollen sie es beim zweiten Mal besser machen und ihre Zielperson bei einem Fest in einem Hotel erwischen. Doch während sie auf ihre Chance wart
Mo, 6.4., 19:45
Andrzej Wajda
Człowiek z marmuru MAN OF MARBLE
Filmstudentin Agnieszka recherchiert für ihre Abschlussarbeit das Schicksal des einst gefeierten »Helden der Arbeit« Mateusz Birkut, auf dessen ausrangierte Marmorstatue sie in einem Keller stößt. Ihre Spurensuche führt durch Archive und vor manch verschlossene Tür, legt aber Schicht für Schicht frei, wie Propaganda Menschen erschafft, benützt und wieder fallen lässt. MAN OF MARBLE verschränkt investigatives Kino mit einer Reflexion über Geschichtsschreibung. Aus der Rekonstruktion des Heldenmyt
Di, 7.4., 21:00
Andrzej Wajda
Kanał DER KANAL
In den letzten Tagen des Warschauer Aufstands zieht sich eine versprengte Einheit des polnischen Widerstands vor den Deutschen in das unterirdische Kanalsystem der Stadt zurück. In völliger Dunkelheit, umgeben von Schmutz und Enge, beginnt im scheinbar ausweglosen Labyrinth ein verzweifelter Überlebenskampf … Wajdas zweiter Spielfilm bricht bewusst mit dem Mythos des heroischen Opfers und zeigt Krieg vor allem als zermürbend. Eindringliche Bilder und formale Präzision kennzeichnen diesen radikal