Am Beginn der 1990er-Jahre steht hierzulande das Versprechen auf gute Aussichten: Der Kalte Krieg ist zu Ende, die Grenzen nach Osten öffnen sich, Europa wächst zusammen. Vom »Ende der Geschichte« ist gar die Rede. Neue Möglichkeiten tun sich auf – in Technik, Konsum und Mobilität. Gleichzeitig verlieren alte Gewissheiten an Bedeutung; alternative Lebensentwürfe und kulturelle Einflüsse bringen auch neue Konflikte mit sich. Viele österreichische Filme dieser Jahre greifen die Veränderungen wie gesellschaftliche Seismografen auf. Sie erzählen von Menschen, die in Bewegung kommen, weil ihre Orientierung ins Wanken gerät: unterwegs zwischen Herkunft und Zukunft, Provinz und Metropole, ohne recht zu wissen, wohin sie gehören. Auffallend selten interessieren sich diese Arbeiten für traditionelle Österreich-Bilder. Stattdessen richtet eine junge Generation von Filmemacher:innen den Blick auf Zwischenräume und Randzonen: Bahnhöfe, Einkaufszentren, Nachtclubs. Es sind Orte des Übergangs, bevölkert von Figuren, deren Identitäten ebenso wenig festgelegt scheinen wie ihre Lebenswege.
Besonders prägen die Kriege im zerfallenden Jugoslawien die 1990er. Für viele Geflüchtete wird Österreich zur neuen Heimat, ihre Sprachen und Kulturen Teil des Alltags. Migration erscheint im Kino nicht als Ausnahme, sondern als Bestandteil einer Gesellschaft, in der Zugehörigkeit neu verhandelt werden muss. Während sich Österreich nach außen öffnet, wächst im Inneren der Wunsch nach Abgrenzung. Die Erfolge der FPÖ unter Jörg Haider verweisen auf diese Spannung. Auch die Popkultur verändert den Blick auf die Welt. Mode, Musik, Fernsehen, Werbung und Musikvideos prägen eine neue visuelle Sprache. Der österreichische Film reagiert mit offeneren, fragmentarischeren Formen und verbindet dokumentarische Beobachtung mit inszenierter Künstlichkeit. Seine Figuren teilen zunehmend Sehnsüchte und Zweifel mit Menschen anderswo und werden Teil einer grenzüberschreitenden europäischen Gegenwart.
Alles bunt und wunderbar? Mitnichten! Rückblickend erscheinen die 1990er als Jahrzehnt der Transformation. Die Welt wird größer, näher und unübersichtlicher – und das alles gleichzeitig. Nach unseren Reihen zum österreichischen Kino der 1970er-(2020) und 1980er-Jahre (2023) erzählen die Filme dieses Programms weniger eine historische Chronik als eine gelebte Erfahrung: Wie fühlt es sich an, in diesem Land zu leben? Sie machen ein Österreich sichtbar, das sich neu erfindet – zwischen Provinz und Welt, Verunsicherung und Aufbruch.
(Florian Widegger)
Tickets für die Vorstellungen während der Viennale sind ausschließlich über das Festival zu beziehen. Termine werden am 13.10. auf www.viennale.at veröffentlicht.
Das Programm wird im November im METRO Kinokulturhaus wiederholt.