16. März 2026
Ein Leben für das Kino:

Helmut Pflügl (1943 – 2026)

Mit tiefer Trauer muss das Filmarchiv Austria die Nachricht vom Tod seines langjährigen Mitarbeiters Helmut Pflügl bekannt geben. Nach langer Krankheit ist Helmut am 7. März 2026 in einem Wiener Krankenhaus verstorben.

Helmut Pflügl wurde 1943 in Steyr geboren und entdeckte in seiner Heimatstadt schon früh die Liebe zum Kino. Als Belohnung für den Besuch der Sonntagsmesse gab es danach ebenso himmlische Verheißungen im Ost-Kino. Nomen es Omen, die Filmgeschichte der osteuropäischen Länder sollte später zu Helmuts Passion werden. Nach Wien übersiedelt, ergriff er zunächst den Lehrerberuf, zur Berufung wurde ihm allerdings der Film in seiner ganzen historischen Dimension. Der Weg führte ihn dabei fast zwangsläufig in das Österreichische Filmarchiv, wo er am 1. September 1979 als Mitarbeiter begann.

Schon bald zählte Helmut zum unverzichtbaren Stammpersonal der damals in sehr bescheidenen Verhältnissen agierenden Institution. Er übernahm die gesamte Kundenbetreuung und bemühte sich um die professionelle Verwertung der Archivschätze. Daneben engagierte sich Helmut als Betriebsrat für die Kolleginnen und Kollegen und erwirkte schrittweise Verbesserungen der prekären Arbeitsverhältnisse. Die Ende 1996 startende Reform und die Neuaufstellung als Filmarchiv Austria wäre ohne Helmut Pflügl so nicht möglich gewesen. Mit großer Umsicht und hohem Verantwortungsbewusstsein schlug er Brücken zwischen dem langjährigen Stammpersonal und den jungen Kolleg:innen. Helmut war die Schnittstelle zwischen dem Altbewährten und den Visionen für die Zukunft, die er im Filmarchiv mit großem Engagement unterstützte.

Mit der Ausweitung der Programmaktivitäten fand Helmut erstmals auch die Möglichkeit, seine eigene Kinoleidenschaft in das Filmarchiv Austria einzubringen. Mit der Kuratierung großer Retrospektiven entwickelte er das viel beachtete neue Programmprofil des Hauses, das einen klaren Schwerpunkt in der Vermittlung des mittel- und osteuropäischen Kinos vorsah, vor allem auch, um die Kinematografien jener Länder, mit denen Österreich seine Geschichte teilte, hierzulande wieder ins Bewusstsein zu rücken.

Zu den wegweisenden und nachhaltig in Erinnerung bleibenden Filmschauen zählten »Intime Beleuchtung« (1998), die erste in Österreich organisierte Retrospektive zu den tschechischen Filmen rund um den Prager Frühling; »Magischer Balkan« (2000), die erste Überblicksschau zum Kino Südosteuropas, die zur Referenz für die nachfolgenden Länder-Schwerpunkte im Filmarchiv-Open-Air-Kino wurde; »Der geteilte Himmel« (2001), die erste große DDR-Retrospektive in Westeuropa; die auch international viel beachtete kulturhistorische Schau »Galizien – die Republik der Träume« (2003) oder auch die länderübergreifende Filmschau »Grenzenlos«, die 2004 die große EU-Osterweiterung filmisch begleitete.  

In diesen Jahren der fast manischen Programmarbeit verbanden sich Kino und Leben zunehmend, die Arbeit an den Retrospektiven und die Leidenschaft, möglichst viele Filme dann abends im hauseigenen METRO Kino auch sehen zu können. Dabei vermochte es Helmut auf unnachahmliche Weise, den Alltag und die Wirklichkeit des Kinos kunstvoll miteinander zu verweben und sein eigenes Leben in den großen Momenten der Filmgeschichte zu spiegeln. Er entwickelte einen untrüglichen Spürsinn für die besonderen, die poetischen Momente des Kinos, die dann auch in seinen großartigen Programmtexten zu entdecken waren.

Die Pensionierung Helmut Pflügls im Jahr 2008 war nur eine Zwischenstation, er blieb ein engagierter Mitarbeiter des Filmarchivs und betreute weiterhin viele Programmreihen und Retrospektiven. Noch mehr konnte er sich jetzt seiner brennenden Passion, dem Kino, widmen. Penibel führte er nicht nur Buch über die besuchten Filmvorstellungen, sondern verarbeitete besonders beeindruckende Szenen auch in liebevollen Zeichnungen; im Lauf der Jahre entstand eine ganze Bildergalerie mit magischen Szenen der Filmgeschichte, die sein Leben prägten.

Nach seiner schweren Erkrankung verengte sich Helmuts Aktionsradius zwangsläufig, das Heimkino wurde notgedrungen zum Ersatzort für seine eigentliche Heimat. 2024 schaffte er es nochmals in sein geliebtes Filmarchiv-Sommerkino in den Augarten. Mit dabei hatte er seine eben im Verlag Filmarchiv Austria erschienene Biografie Kino Leben Erinnerungen eines Filmenthusiasten. Noch einmal ließ er sich von der Wucht und der visuellen Kraft einiger seiner Lieblingsfilme, die bei Kino wie noch nie 2024 ihm zu Ehren programmiert wurden, verzaubern.

Einmal noch ging es mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in Godards PIERROT LE FOU im offenen Cabrio durch Südfrankreich, einmal noch schwelgte er in AMACORD in Fellinis Jugenderinnerungen und einmal noch zog die kubanische Parabel DAS LETZTE ABENDMAHL von Tomás G. Alea an ihm vorüber. Aber das Kino verspricht ewiges Leben. Dieses tatsächlich zu ermöglichen, ist die Mission der Filmarchive; und dessen Erfüllungsort ist das Kino. Helmut Pflügl war beides: Passionierter Archivar und leidenschaftlicher Cineast. Wir werden ihn nie vergessen!

Ernst Kieninger und das Team des Filmarchiv Austria.