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Retrospektive
Anja Salomonowitz Die Wirklichkeit neu zusammensetzen

Dokumentarfilm, Spielfilm, Essay, Porträt: Anja Salomonowitz bewegt sich zwischen den Genres und findet für jede ihrer Geschichten eine eigene Form und Sprache. Ihre Filme übersetzen Themen wie Erinnerung, Arbeit und Begehren in eigenständige künstlerische Formen. Sie erzählen von Außenseiterinnen, Künstlerinnen, von persönlichen Erfahrungen und den gesellschaftlichen Strukturen, die diese prägen. Die Retrospektive, ergänzt um eine kleine, persönliche Carte blanche sowie ein ausführliches Werkstattgespräch mit ersten Einblicken in ihren kommenden Film, lädt dazu ein, Verbindungen, Brüche und wiederkehrende Motive in diesem ebenso ungewöhnlichen wie vielseitigen Werk zu entdecken.

Auf Wunsch von Anja Salomonowitz zeigen wir vor jeder Vorstellung ES IST GENAU GENUG ZEIT (Oskar Salomonowitz/Virgil Widrich, AT 2021, 2 min), der auf einem von ihrem Sohn Oskar begonnenen und von seinem Vater Virgil Widrich vollendeten Daumenkino basiert.

Mittendrin

Anja Salomonowitz macht Filme, weil sie etwas über die Welt erfahren will. Das klingt zunächst einfach und ist es dann doch wieder nicht, weil sie sich in ihren Filmen nicht damit begnügt, diese Welt – oder nennen wir es: Wirklichkeit – nur abzubilden, sondern herausfinden will, was passiert, wenn man sie filmisch neu zusammensetzt. Wer wird gesehen? Wer spricht? Wie wird etwas sichtbar, das im vermeintlich authentischen Bild gerade verschwindet? Diese Fragen ziehen sich durch das Werk der 1976 geborenen Filmemacherin, Autorin, seit geraumer Zeit auch Lehrenden, das sich formal immer wieder neu erfindet, aber konstant darauf vertraut, dass in einer bewussten Konstruktion eine tiefere Wahrhaftigkeit stecken kann.

Dabei ist ihre Arbeit auch eine Frage des Handwerks. Sie denkt in Farben, Räumen, Kompositionen, will wissen, wie die einzelnen Elemente eines Films funktionieren und was aus ihrem Zusammenspiel entsteht. Vom dokumentarischen Essay über inszenierte Interviews und Porträts bis hin zum Spielfilm reicht die Bandbreite ihres Schaffens: In MIT EINEM TIGER SCHLAFEN wird aus Birgit Minichmayr eine »alterslose« Maria Lassnig, in DIESER FILM IST EIN GESCHENK wird die Begegnung mit Daniel Spoerri und seiner Kunst zum Ausgangspunkt einer Neuordnung von Erinnerungen.

Auch hier geht es nicht um eine möglichst geradlinige Rekonstruktion, sondern um die Frage, welche Form eine Geschichte überhaupt braucht. Immer wieder bekommt Salomonowitz zu hören, ihre Projekte seien zu künstlerisch, zu schwierig, nicht finanzierbar. Sie hat gelernt, mit diesen Einwänden umzugehen, ohne ihre Vorstellungen daran anzupassen. Zu ihrem Filmemachen gehört auch die Bereitschaft, an einer Idee festzuhalten, bis sich eine Form findet, in der sie funktionieren kann.

Eine Retrospektive zum 50. Geburtstag mag ungewöhnlich erscheinen – schließlich steht Salomonowitz noch lange nicht am Ende ihres filmischen Weges. »Ich finde es schön, so was mittendrin zu haben«, schreibt sie mir. Und dann ein Satz, der den Gedanken an eine Werkschau in ein anderes Licht rückt: »Ich bin gestorben in diesem Leben. Es hat alles aufgehört, mittendrin.« Gemeint ist der Tod ihres Sohnes Oskar. Danach, erzählt sie, habe sie langsam wieder gelernt zu reden und sich zu bewegen – das Filmemachen hingegen sei schnell gegangen und wichtig geworden. Vielleicht ist diese Retrospektive tatsächlich als eine »Rückschau« zu verstehen: keine Bilanz, sondern der Blick zurück aus einem Leben, das sich inzwischen grundlegend verändert hat.
(Florian Widegger)

Fr, 6. Nov. - Do, 3. Dez.
Fr, 6.11., 19:00
Anja Salomonowitz
Dieser Film ist ein Geschenk
Daniel Spoerri macht Kunst aus Dingen, die andere wegwerfen oder übersehen. Diese Objekte sind Ausgangspunkt eines sehr persönlichen Porträtfilms, in dem Anja Salomonowitz die Geschichte des Künstlers mit ihrer eigenen verbindet und ihren Sohn Oskar als eine Art Gegenüber und Stellvertreter der nächsten Generation auftreten lässt. In Spoerris Werkstatt beginnen sich diese unterschiedlichen Geschichten zu überlagern. Seine Kunst, die Dinge aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang löst und neu zusamm
Sa, 7.11., 19:00
Anja Salomonowitz
Kurz davor ist es passiert
Über mehrere Jahre hat Anja Salomonowitz Gespräche mit Frauen geführt, die Opfer von falschen Versprechungen, Gewalt und Ausbeutung wurden. Diese Erfahrungen lässt sie in ihrem Film jedoch andere Menschen vortragen – an der Grenze, im Bordell, in einem Konsulat oder während einer Taxifahrt durch Wien. Das öffnet einen eigentümlichen Zwischenraum, der sichtbar macht, was sonst unsichtbar bleibt: Indem sie vermeintliche Authentizität und unmittelbare Zeugenschaft verweigert, lenkt sie den Blick au
So, 8.11., 18:30
Anja Salomonowitz
Mit einem Tiger schlafen
In ihrem ungewöhnlichen Porträt zeichnet Anja Salomonowitz den Lebensweg der Malerin Maria Lassnig vom Bauernhaus in Kärnten über ihr Schaffen in Wien, Paris und New York ausschnitthaft nach. Als Lassnig 2014 starb, hatte sie längst öffentliche Anerkennung gefunden. Der Weg dorthin jedoch war von viel Durchhaltevermögen, Entsagungen und Arbeit geprägt. Mit ihren Körperbewusstseinsbildern verlieh sie ihrem Inneren Ausdruck und fand ihren eigenen Stil. Mit Birgit Minichmayr kreiert Salomonowitz ei
Di, 10.11., 18:45
Anja Salomonowitz
Sichtbares und Verborgenes
Ein Familienporträt zwischen Erinnern und Verdrängen, Wissen und Nichtwissen. Drei Frauen lässt Anja Salomonowitz von ihrer Jugend während der NS-Zeit erzählen: Großtante Hanka hat Auschwitz überlebt und findet keine Worte für das, was sie nicht vergessen kann. Kindermädchen Gertrude war Sozialistin und erinnert sich an die Deportation jüdischer Bekannter. Großmutter Margit lebte in Graz und sagt zunächst, sie könne sich an vieles nicht mehr erinnern. In ruhigen Einstellungen und mit bewusster K
Sa, 14.11., 19:00
Anja Salomonowitz
50, Oskar und Otto Ein Geburtstagsabend für und mit Anja Salomonowitz
Anja Salomonowitz: »Ich habe gedacht, ich werde mich an meinem 50. Geburtstag zurückziehen und dringend gar nichts machen. Aber dann kam der Vorschlag der Carte Blanche an diesem Abend – und deswegen werde ich im Kino sein. Wie gut! Virgil Widrich, der Vater meiner Kinder, hat für Freund:innen mal einen wunderbaren, rührenden, herrlichen, lustigen, zum Staunen bringenden Vortrag gehalten über die Filme, die der Oskar selber gemacht hat. OSKARS FILME. Ich habe ihn gebeten, das an diesem Abend zu
Mi, 18.11., 17:30
Anja Salomonowitz
Sichtbares und Verborgenes
Ein Familienporträt zwischen Erinnern und Verdrängen, Wissen und Nichtwissen. Drei Frauen lässt Anja Salomonowitz von ihrer Jugend während der NS-Zeit erzählen: Großtante Hanka hat Auschwitz überlebt und findet keine Worte für das, was sie nicht vergessen kann. Kindermädchen Gertrude war Sozialistin und erinnert sich an die Deportation jüdischer Bekannter. Großmutter Margit lebte in Graz und sagt zunächst, sie könne sich an vieles nicht mehr erinnern. In ruhigen Einstellungen und mit bewusster K
Do, 19.11., 18:30
Anja Salomonowitz
Die 727 Tage ohne Karamo
Liebe – mit diesem einfachen Wort ließen sich die drei Filme dieses Programms auf den Punkt bringen. CARMEN ist das Porträt einer Kinomitarbeiterin, die nicht nur im Kinosaal übernachtet, sondern ihm sogar schon einen Heiratsantrag gemacht hat. In CODENAME: FIGARO haben sich eine Österreicherin und ein Singhalese zur Scheinehe verabredet – telefonisch spielen sie ein Polizeiverhör durch. Die zermürbenden Hürden des Asylrechts und der unablässige Wunsch nach Liebe und Leichtigkeit von 21 bination
Do, 19.11., 21:00
Anja Salomonowitz
Mit Verlust ist zu rechnen Carte blanche
Eine ungewöhnliche Annäherung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: Witwer Sepp ist, nachdem sich seine Essensvorräte langsam dem Ende zuneigen, auf Brautschau. Wenige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Grenze, lebt die ebenfalls verwitwete Paula im Nachbarort. Die beiden beginnen, einander ins Auge zu fassen … Anja Salomonowitz: »Ich habe die Filme von Ulrich Seidl immer bewundert und studiert, weil sie zeigen, wie man Dokumentarfilme anders, nämlich künstlerisch machen kann. Wie man
Fr, 20.11., 17:30
Anja Salomonowitz
Dieser Film ist ein Geschenk
Daniel Spoerri macht Kunst aus Dingen, die andere wegwerfen oder übersehen. Diese Objekte sind Ausgangspunkt eines sehr persönlichen Porträtfilms, in dem Anja Salomonowitz die Geschichte des Künstlers mit ihrer eigenen verbindet und ihren Sohn Oskar als eine Art Gegenüber und Stellvertreter der nächsten Generation auftreten lässt. In Spoerris Werkstatt beginnen sich diese unterschiedlichen Geschichten zu überlagern. Seine Kunst, die Dinge aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang löst und neu zusamm
Sa, 21.11., 18:30
Anja Salomonowitz
Spanien
Mitten in der Nacht findet sich Sava nach einem Unfall mit einem Kleinbus auf einer einsam gelegenen Landstraße in Österreich wieder. Dabei hatte er viel Geld bezahlt, um von Moldawien nach Spanien geschmuggelt zu werden. Er kommt in einer nahegelegenen Kirche unter, wo er auf Magdalena trifft, die dort tagsüber als Restauratorin arbeitet und nachts Ikonen malt. Ihr Ex-Mann ist Fremdenpolizist, spezialisiert auf Scheinehen, und hat die Trennung noch nicht überwunden. Und über diesem fragilen Dre
Sa, 21.11., 21:00
Anja Salomonowitz
Beau Travail
In Dschibuti dient der ehemalige Unteroffizier Galoup in der Fremdenlegion. Eine Welt geprägt von Ritualen und Disziplin. Sein geordnetes Leben gerät ins Wanken, als der junge Soldat Sentain in die Einheit kommt und ihn zugleich irritiert wie fasziniert. Denis adaptiert Motive aus Melvilles Billy Budd und übersetzt sie in ein körperliches, rhythmisches Kino, das von Landschaft und Choreografie geprägt ist. (Otto Römisch) Anja Salomonowitz: »Ein Film mit vielen nackten Männeroberkörpern und Grég
Mo, 23.11., 20:30
Anja Salomonowitz
Die 727 Tage ohne Karamo
Liebe – mit diesem einfachen Wort ließen sich die drei Filme dieses Programms auf den Punkt bringen. CARMEN ist das Porträt einer Kinomitarbeiterin, die nicht nur im Kinosaal übernachtet, sondern ihm sogar schon einen Heiratsantrag gemacht hat. In CODENAME: FIGARO haben sich eine Österreicherin und ein Singhalese zur Scheinehe verabredet – telefonisch spielen sie ein Polizeiverhör durch. Die zermürbenden Hürden des Asylrechts und der unablässige Wunsch nach Liebe und Leichtigkeit von 21 bination
Di, 24.11., 19:00
Anja Salomonowitz
Kurz davor ist es passiert
Über mehrere Jahre hat Anja Salomonowitz Gespräche mit Frauen geführt, die Opfer von falschen Versprechungen, Gewalt und Ausbeutung wurden. Diese Erfahrungen lässt sie in ihrem Film jedoch andere Menschen vortragen – an der Grenze, im Bordell, in einem Konsulat oder während einer Taxifahrt durch Wien. Das öffnet einen eigentümlichen Zwischenraum, der sichtbar macht, was sonst unsichtbar bleibt: Indem sie vermeintliche Authentizität und unmittelbare Zeugenschaft verweigert, lenkt sie den Blick au
Mi, 25.11., 18:00
Anja Salomonowitz
Beau Travail
In Dschibuti dient der ehemalige Unteroffizier Galoup in der Fremdenlegion. Eine Welt geprägt von Ritualen und Disziplin. Sein geordnetes Leben gerät ins Wanken, als der junge Soldat Sentain in die Einheit kommt und ihn zugleich irritiert wie fasziniert. Denis adaptiert Motive aus Melvilles Billy Budd und übersetzt sie in ein körperliches, rhythmisches Kino, das von Landschaft und Choreografie geprägt ist. (Otto Römisch) Anja Salomonowitz: »Ein Film mit vielen nackten Männeroberkörpern und Grég
Fr, 27.11., 18:30
Anja Salomonowitz
Mit einem Tiger schlafen
In ihrem ungewöhnlichen Porträt zeichnet Anja Salomonowitz den Lebensweg der Malerin Maria Lassnig vom Bauernhaus in Kärnten über ihr Schaffen in Wien, Paris und New York ausschnitthaft nach. Als Lassnig 2014 starb, hatte sie längst öffentliche Anerkennung gefunden. Der Weg dorthin jedoch war von viel Durchhaltevermögen, Entsagungen und Arbeit geprägt. Mit ihren Körperbewusstseinsbildern verlieh sie ihrem Inneren Ausdruck und fand ihren eigenen Stil. Mit Birgit Minichmayr kreiert Salomonowitz ei
Sa, 28.11., 18:00
Anja Salomonowitz
Mit Verlust ist zu rechnen Carte blanche
Eine ungewöhnliche Annäherung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: Witwer Sepp ist, nachdem sich seine Essensvorräte langsam dem Ende zuneigen, auf Brautschau. Wenige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Grenze, lebt die ebenfalls verwitwete Paula im Nachbarort. Die beiden beginnen, einander ins Auge zu fassen … Anja Salomonowitz: »Ich habe die Filme von Ulrich Seidl immer bewundert und studiert, weil sie zeigen, wie man Dokumentarfilme anders, nämlich künstlerisch machen kann. Wie man
So, 29.11., 20:00
Anja Salomonowitz
Spanien
Mitten in der Nacht findet sich Sava nach einem Unfall mit einem Kleinbus auf einer einsam gelegenen Landstraße in Österreich wieder. Dabei hatte er viel Geld bezahlt, um von Moldawien nach Spanien geschmuggelt zu werden. Er kommt in einer nahegelegenen Kirche unter, wo er auf Magdalena trifft, die dort tagsüber als Restauratorin arbeitet und nachts Ikonen malt. Ihr Ex-Mann ist Fremdenpolizist, spezialisiert auf Scheinehen, und hat die Trennung noch nicht überwunden. Und über diesem fragilen Dre
Do, 3.12., 18:00
Anja Salomonowitz
Werkstattgespräch mit Anna Salomonowitz READ MY BREASTS
Zum Abschluss unserer Retrospektive: Ein Rückblick auf das, was war und ein Ausblick auf das, was kommt. Anja Salomonowitz nimmt uns mit auf eine Reise durch ihr bisheriges künstlerisches Schaffen als Filmemacherin, Autorin, Theaterregisseurin und spricht über Einflüsse, Herausforderungen und Arbeit – und das Verhältnis zwischen vermeintlicher Authentizität und ausgestellter Künstlichkeit. Außerdem zeigt sie erste Ausschnitte aus ihrem nächsten Film, READ MY BREASTS über Inna Schewtschenko, die
Do, 3.12., 20:30
Anja Salomonowitz
Mit einem Tiger schlafen
In ihrem ungewöhnlichen Porträt zeichnet Anja Salomonowitz den Lebensweg der Malerin Maria Lassnig vom Bauernhaus in Kärnten über ihr Schaffen in Wien, Paris und New York ausschnitthaft nach. Als Lassnig 2014 starb, hatte sie längst öffentliche Anerkennung gefunden. Der Weg dorthin jedoch war von viel Durchhaltevermögen, Entsagungen und Arbeit geprägt. Mit ihren Körperbewusstseinsbildern verlieh sie ihrem Inneren Ausdruck und fand ihren eigenen Stil. Mit Birgit Minichmayr kreiert Salomonowitz ei